Manchmal merke ich erst an meinen Fingern, dass ich mich beim Wetter verschätzt habe. Ich bin mit Hippu unterwegs, die Handschuhe liegen zu Hause, und bei minus fünf Grad wären sie jetzt eine gute Idee gewesen. An einem anderen Tag hat es wieder plus vier Grad, und dieselben warmen Sachen sind schon fast zu viel.
So erlebe ich Ylläs im Oktober 2026. Der erste Schnee war bereits da. Für einen Moment sah es nach Winter aus, dann ist er wieder geschmolzen. Tagsüber hatten wir zuletzt noch sechs bis sieben Grad, in einzelnen Nächten dagegen schon minus acht. Der Boden war stellenweise gefroren. Nun ist vieles wieder nass.
Welche Jahreszeit gerade ist, lässt sich morgens mit einem Blick auf den Kalender kaum beantworten.
Die Ruska, die Zeit der leuchtenden Herbstfarben in Lappland, ist vorbei. Die Blätter liegen am Boden, und mit ihnen ist auch die lebhafte Herbstsaison zu Ende gegangen. Viele finnische Gäste, die zum Wandern und wegen der Herbstfarben hier waren, sind wieder abgereist. In Ylläs wird es ruhiger.
Auf den Spaziergängen mit Hippu stehen kahle Birken zwischen den immergrünen Nadelbäumen. Am Boden überwiegen Brauntöne. Nasses Laub macht die Wege rutschig, in den Vertiefungen stehen große Pfützen. Nach unserer Runde lässt sich an Hippu meistens ziemlich gut erkennen, wie es draußen gerade aussieht. Sie bringt einen Teil des Weges mit nach Hause.
Auch die Luft riecht anders. Im Sommer nehme ich unterwegs die Kräuter, Sträucher und Blumen wahr. Jetzt fehlen diese Düfte. Die Luft ist frisch, vieles ist feucht, oft hängt Nebel zwischen den Bäumen oder eine dichte Wolkendecke über der Landschaft. Und es wird früh dunkel.
Ich finde diese Wochen manchmal trist. Auch das gehört zu meinem Leben in Lappland.
Deshalb freue ich mich auf den Schnee. Schon eine dünne Schicht, die Äste und Boden wie gezuckert aussehen lässt, verändert meinen Blick nach draußen. Die Landschaft wirkt freundlicher. Die kahlen Birken stehen plötzlich vor einem hellen Hintergrund, die Brauntöne verschwinden unter Weiß.
Für mich ist die Dunkelheit im Oktober und November besonders spürbar, solange kein Schnee liegt. Mit der Schneedecke fühlt sie sich anders an. Der Schnee reflektiert das wenige Licht, und die Umgebung erscheint heller. Die Tage sind weiterhin kurz, aber die Dunkelheit wirkt auf mich weniger schwer.
Wann dieser Wechsel kommt, wissen wir noch nicht. Der erste Schneefall hat in diesem Jahr jedenfalls noch nicht den Winter gebracht, der bleibt.
„Für mich sind die dunkelsten Wochen oft die, in denen der Schnee noch fehlt.“
Zwischen Herbst und Winter liegt im samischen Jahreskreis eine eigene Jahreszeit: čakčadálvi, der Herbstwinter. Er gehört zu den acht Jahreszeiten, die den Wandel der Natur und die damit verbundenen Arbeiten beschreiben.
Die Tage werden kürzer, Frost und Schnee verändern die Landschaft. In der Rentierhaltung ist es die Zeit, in der Herden für den Winter aufgeteilt und zu ihren Winterweidegebieten geführt werden.
Wann genau der Herbstwinter beginnt, hängt von der Region und den Bedingungen vor Ort ab. Die Jahreszeiten folgen keinem starren Monatsplan. Unser Oktober in Ylläs lässt sich deshalb als Annäherung an diese nächste Phase verstehen: Der erste Schnee war schon da, doch der Winter ist noch nicht geblieben.
So ruhig es draußen manchmal wirkt, diese Wochen sind auch voller Vorbereitungen. Bevor der Schnee bleibt, müssen wir rund ums Haus einiges erledigen.
Haben wir genug Holz zum Heizen? Ist es trocken und gut geschützt gelagert? Auch für meine Lavvo Abendessen brauche ich einen ausreichenden Vorrat. Wir machen den Garten bereit für den Winter und schauen im Schuppen nach, ob alles so verstaut ist, dass keine Mäuse herankommen.
Die Autos müssen ebenfalls winterbereit sein. Dazu gehört bei uns auch, die Stromkabel draußen so zu verlegen, dass wir die Autos bei großer Kälte wieder anschließen können. Es sind viele einzelne Handgriffe, die in diese Wochen fallen. Wenn erst Schnee liegt, wird manches davon umständlicher.
Gleichzeitig kommen Menschen zurück nach Lappland. Viele Saisonkräfte verbringen jeden Winter hier, manche schon seit Jahren. Unter ihnen sind Freunde und alte Bekannte, auf deren Wiedersehen ich mich freue. Jetzt haben wir noch Zeit, uns zu treffen. Wir erzählen vom Sommer, hören, was die anderen erlebt haben, und tauschen uns aus. Sobald die Wintersaison richtig beginnt, haben alle viel zu tun. Dann sehen wir uns oft seltener, obwohl wir wieder am selben Ort leben.
„Bevor die Wintersaison uns wieder einspannt, haben wir noch Zeit füreinander.“
Auch deshalb bedeutet mir diese Zwischenzeit etwas. Die kahlen Birken und die nassen Spaziergänge könnte ich manchmal gut gegen Schnee eintauschen. Aber ich freue mich über die Menschen, die wieder da sind, und über die Zeit, die wir jetzt noch füreinander haben.
Während wir Holzvorräte prüfen, Kabel verlegen und Freunde wiedersehen, beginnt im Garten ein weiterer Winteralltag: Wir füttern wieder die Vögel.
Als die ersten kalten Nächte kamen und der Boden stellenweise gefroren war, haben wir mit dem Füttern angefangen. An der Birke hängen Fett-Samen-Ballen. Für größere Vögel wie Eichelhäher und Unglückshäher weichen wir getrocknete Erbsen in warmem Wasser ein. Für die kleineren Vögel streuen wir zusätzlich Samen aus. Auch Elstern kommen zu uns.
Von meinem Arbeitszimmer aus kann ich die Vögel beobachten. Auch vom Küchentisch habe ich sie im Blick.
Doch nicht nur Vögel entdecken das Futter. Einmal hat ein Fuchs versucht, an die aufgehängten Fett-Samen-Ballen zu kommen. Ich vermute, dass ihn das Fett angelockt hat.
Im Frühling kommen viele Waldtauben und manchmal gleich vier oder fünf Hasen zum Futterplatz. Friedlich geht es dabei nicht immer zu: Die Hasen kämpfen dort auch miteinander. Haselhühner sind ebenfalls immer wieder bei uns im Garten zu sehen.
Im Sommer füttern wir die Vögel nicht. Dann ist unser Kompost begehrt bei verschiedenen Tieren. Sogar Rentiere kommen vorbei und schauen, ob sie etwas daraus stibitzen können. Beim Blick aus dem Fenster gibt es also auch ohne Vogelfütterung einiges zu entdecken.
Seit mein Freund bei mir wohnt, gehört das regelmäßige Füttern zu unserem Winteralltag. Er kümmert sich rührend darum, dass die Vögel genug Futter haben. Durch ihn sind mehr Vögel in unseren Garten gekommen – und ich habe angefangen, genauer hinzuschauen.
Er hat mir eine Geschichte erzählt: In den Vögeln, die im Winter bei uns bleiben, könnten die Seelen Verstorbener wohnen. Sie bleiben, um auf uns aufzupassen. Und wir kümmern uns um sie, indem wir ihnen Futter geben.
So hat er mir diese Geschichte weitergegeben. Dazu passt ein Motiv aus der finnischen und verwandten ostseefinnischen Volksüberlieferung: der sielulintu, der Seelenvogel. Vögel werden darin als Träger von Seelen, als Beschützer und als Boten zwischen der Welt der Lebenden und der Toten verstanden.
Seit ich die Geschichte meines Freundes kenne, hat das Füttern für mich eine zusätzliche Bedeutung. Ich finde diesen Gedanken schön und erzähle ihn auch gerne meinen Gästen. Früher habe ich die Futterstellen vor anderen Häusern gesehen, ohne mir viel dabei zu denken. Heute bleibe ich selbst oft am Fenster stehen. Auch meinen Gästen geht es so. Wenn wir am Küchentisch sitzen, schaut fast immer irgendwann jemand hinaus und beobachtet die Vögel.
„Die Vögel bleiben, um auf uns aufzupassen. Und wir kümmern uns um sie.“
Diese Verbindung zwischen Vögeln und verstorbenen Angehörigen begegnet uns auch in einem der bekanntesten finnischen Weihnachtslieder: „Varpunen jouluaamuna“, der Spatz am Weihnachtsmorgen. Darin gibt ein kleines Mädchen einem hungrigen Spatz Samen zu fressen. Erst am Ende erfahren wir, wer sie da besucht: ihr verstorbener kleiner Bruder. Der Liedtext geht auf ein Gedicht von Zacharias Topelius aus dem Jahr 1859 zurück.
Auch wenn Weihnachten noch ein Stück entfernt ist, passt das Bild für mich zu den Vögeln vor unserem Fenster. Es bringt den Gedanken aus der Geschichte meines Freundes auf den Punkt: Ein kleiner Vogel kann uns an jemanden erinnern, der nicht mehr da ist. Und im Füttern liegt dann auch ein Stück Verbundenheit.
Mit dem Kuukkeli, dem Unglückshäher, verbinde ich noch eine andere Geschichte. Ich begegne diesen Vögeln oft an Feuerstellen im Wald. Manche sind so zutraulich, dass sie einem aus der Hand fressen.
Bei einer Wanderung im Lemmenjoki-Nationalpark haben wir einen alten Goldgräber getroffen. Er erzählte uns, dass ihm einmal ein Kuukkeli gezeigt habe, wo er graben solle. Dort habe er tatsächlich Gold gefunden.
Seitdem komme er jeden Sommer zurück und hoffe, wieder einem Kuukkeli zu begegnen, der ihm den Weg zum Gold zeigt.
Diese Begegnung ist mir im Gedächtnis geblieben. Wenn ich an diesen Ort in Lemmenjoki denke, denke ich auch an den alten Mann und seine Geschichte. Und wenn ich einen Kuukkeli sehe, erinnere ich mich manchmal an seine Hoffnung, dass der Vogel ihm noch einmal den Weg zeigt.
Wenn ich jetzt im Oktober am Fenster stehe, in dieser nassen, dunklen Zwischenzeit, gehört all das dazu: die Vorfreude auf den Schnee, der die Landschaft heller macht. Die Arbeit rund ums Haus, die noch erledigt werden muss. Die Freunde, die wieder da sind und mit denen jetzt noch Zeit für ein Treffen bleibt.
Und draußen kommen die Vögel zum Futterplatz, während wir uns auf den Winter vorbereiten.
Wann der nächste Schnee liegen bleibt, ist noch offen. Bis dahin füttern wir weiter und schauen hinaus.
Bevor ich nach Lappland gezogen bin, hätte ich vermutlich gedacht, dass die dunkelste Zeit auch die schwierigste ist. Heute merke ich: Für mich hängt viel davon ab, ob Schnee liegt.
Die nassen Wochen im Oktober und November, mit kahlen Birken und braunem Boden, empfinde ich oft als dunkler als die eigentliche Winterzeit. Sobald der Schnee liegen bleibt, verändert sich die Landschaft. Er reflektiert das wenige Licht, und alles wirkt freundlicher.
Deshalb schaue ich in diesen Wochen mit gemischten Gefühlen nach draußen. Ich freue mich auf den Schnee. Gleichzeitig kommen Freunde für die Wintersaison zurück, und wir haben noch Zeit füreinander, bevor alle wieder viel arbeiten.
Vielleicht sind es genau diese beiden Dinge, die meine Zwischenzeit ausmachen: auf den Winter warten und die Menschen genießen, die schon wieder da sind.
Einige Orte bewahre ich bewusst für die Menschen auf, die Lappland gemeinsam mit mir erleben. Nicht als Geheimnis, das niemand erfahren darf, sondern als Geschichte, die sich vor Ort besser erzählen lässt als auf einer Karte.
Meine persönlich begleiteten Kleingruppenreisen verbinden Natur, regionale Küche, Geschichten und Begegnungen mit Menschen aus der Region. Mit kleinen Gruppen, einem ruhigen Tempo und genügend Zeit für die Momente, die sich nicht planen lassen.
Im Oktober erlebst du Ylläs zwischen Herbststille, ersten Frostnächten und gemeinsamen Stunden am Feuer. Im Januar zeigt sich dieselbe Landschaft tief verschneit und im langsam zurückkehrenden Licht.
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